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Susanne Neiss
Rekonstruktion
Seit über einem Jahr grabe ich in der Vergangenheit. Ich lese Tagebücher und alte Postkarten, betrachte Kinderzeichnungen, öffne Schubladen, schaue hinter Vorhänge, schleiche in Kammern, wühle in Kisten und ordne Puzzleteile, aber das vollständige Bild fehlt. Wie eine Detektivin schnüffle ich in meinem eigenen Leben. Es ist eine Reise in eine Sperrzone, in der Gefühle lauern wie Sprengköpfe in einem Hochsicherheitstrakt.
Jemand verfolgt mich. Ich fliehe. Er will mich töten. Er kommt näher. Ich sehe ein Messer. Vor mir ist eine Glastür. Ich springe. Scherben klirren. Mit jedem Schritt schneiden sie tiefer ins Fleisch. Ich wache auf. Nichts tröstet mich. Der Suizid meines Bruders hat die Erinnerung zerbombt und um mich lodert Hass wie das Feuer eines Scheiterhaufens. Ohne die Koordinaten meiner Vergangenheit verirre ich mich wie Schneewittchen im Wald. Dunkle Wolken, Gewitter und Stürme ziehen auf. Die Worte meines Freundes gefrieren zu Eispickeln in der Luft. Ich werfe die Landkarte meiner Seele in den Schnee und weiß nicht mehr, wie herum die Welt gehört. In meinem Kopf sirrt, knirscht und kratzt es wie eine Bildstörung im Fernsehen. Die Angst lauert hinter tausend Masken. Einmal angestossen, rollt sie wie eine schmerzhafte Murmel durch alle Nervenbahnen, unmöglich zu stoppen.
Das Trauma liegt versteinert am Meeresgrund. Immer, wenn mich etwas daran erinnert, schwemmt die Flut alte Gefühle wie Unrat heran. Ich höre den Fisch meiner Kindheit und tauche hinab – mit Bedacht, um nicht zu nahe an den Strudel zu kommen, der mich verschlingen will. Wie Edelsteine haue ich Wut, Angst, Ekel und Glück heraus. Ich stoße mich hoch, schwimme ans Ufer und gehe an Land. Barfuß laufe ich über eine Wiese, auf der sich der Nebel lichtet. Ich gehe in ein Haus. Das Licht scheint von allen Seiten. Meine Freunde kommen. Wir sehen das Meer, die Berge und die Stadt. Wenn wir die Fenster öffnen, weht eine Brise den Duft von gelben Mimosen herein. Auf dem Tisch stehen Margeriten, der Wind spielt mit dem Vorhang und draußen springt ein Kind im violetten Kleid. Plötzlich sind wir im Ballsaal. Wir schauen hinauf zum Abendstern und tanzen. Am Morgen gehen wir schwimmen. Das Wasser trägt uns auf dem Rücken. Ein warmer Strom verbindet uns zu einem Kreis und zwischen uns treiben Blüten wie weiße Schiffe aus Papier. Es ist Ebbe. Der Strand spiegelt das Licht wie Schnee. Ich schaffe uns neue Flüsse und packe die Puppen ein.
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