Videos aus der Ukraine
08.05. – 22.07.2022
videocity
zu Gast mit Videos von:
guest presentation with videos by:
Yana Bachynska, Sergey Bratkov, Marina Dykukha, Olia Fedorova,
Maksym Khodak, Alina Kleytman, Mykola Ridnyi
English indroduction see below
Aus aktuellem Anlass ist Videocity ein weiteres Mal zu Gast am Wolkenhof.
“Was können wir für euch tun”, fragte die Kuratorin Andrea Domesle kürzlich bei einem
Onlinegespräch mit einem Künstler in der Ukraine.
“In der Kunst-Welt präsent sein zu können, mit unseren Arbeiten, die wir geschaffen haben”,
war die Antwort.
So entstand die Idee, KünstlerInnen aus der Ukraine an Orten fernab des Krieges vorzustellen.
Der Wolkenhof ist die erste Station eines Ausstellungszyklus in unterschiedlichen Ländern.
Er wird von einer Fundraising Aktion begleitet, mit dem Ziel möglichst viele KünstlerInnen
präsentieren zu können und ihnen ein Honorar zu bezahlen.
Alina Kleytman
„Responsibility“,
2017,
6:25 Min., Ton
Die Arbeit Responsibility zeigt einen erschütternden Prozess des inneren Wachstums. Ein Mädchen läuft eine düster beleuchtete Strasse hinunter, in einem absurden Outfit, bestehend aus verschmiertem Make-up und einem üppigen Kleid. In der Hand hält sie billige weisse Plastiktüten mit Produkten aus dem Lebensmittelladen, den sie zu Beginn des Videos verlässt, bevor sie ihre weitere Reise antritt. Diese hässlichen und unbeholfenen Lumpen, die sie trägt, verzerren und spiegeln ein falsches Bild wider. Sie geht weiter und kämpft gegen ihre Scham an. Die Tüten symbolisieren die Knappheit der Mittel, die ihr zur Verfügung stehen, seien sie materieller oder anderer Art. Sie enthalten ihre Ziele, Wünsche und Träume und sind für sie ziemlich schwer zu tragen. Mit grosser Anstrengung nimmt sie sie mit in die Ungewissheit. Da vorne wartet niemand auf sie. Sie geht allein weiter und überwindet ihre Ängste. (Dr. Walter Seidl)
Maksym Khodak
„Flags of Propaganda“
2018,
Videocity edition 1 channel, looped, 3:00 Min.
Battleship Potemkin ist einer der bekanntesten Filme der Geschichte. In seinem Kern war er jedoch Propaganda der Bolschewiki. Goebbels bemerkte: „[Dies ist] ein wunderbarer Film, der im Kino seinesgleichen sucht. Jeder, der keine feste politische Überzeugung hat, könnte zum Bolschewisten werden, nachdem er den Film gesehen hat“.
Das beweist einmal mehr, dass sich das Meisterwerk erfolgreich in einem bestimmten Trend etablieren kann. Selbst die schlimmsten Ideen können mit künstlerischen Mitteln propagiert werden. Der Höhepunkt des Films, der die vorherige These bestätigt, ist das Hissen einer roten Flagge über dem Deck des Schlachtschiffs. Aufgrund der Besonderheiten des Schwarz-Weiss-Kinos war es jedoch schwierig, die rote Farbe der Flagge zu zeigen. Deshalb beschloss Sergei Eisenstein, eine weisse Flagge zu nutzen. Anschliessend malte er, jedes Einzelbild des Films, wo eine Flagge dargestellt wurde, in Rot an. In meiner Arbeit wiederhole ich die Geste des Regisseurs, indem auch ich die Fahnen einfärbe, mit dem einzigen Unterschied, dass ich statt der Farbe der bolschewistischen Flagge die Farben der einflussreichsten Ideologien verwende, um die in der modernen ukrainischen Gesellschaft gekämpft wird.
Sergey Bratkov
„Architectural Measurements“
2018
4:09 Min., Ton
Das kurze Video, das Sie gerade gesehen haben, wurde vor vier Jahren gedreht. Mein Bruder Yura, ein Architekt, vermisst die zerstörten Gebäude eines ehemaligen Kindersanatoriums in dem Dorf Led in einem Vorort von Charkow, wo er lebt.
Heute zählt mein Bruder die Explosionen der Bomben vor dem Fenster seines Hauses. Er bewegt sich praktisch nicht. Er ist krank. Er ist 75 Jahre alt.
Olia Fedorova
„Dry Fire“,
2021
0:50 Min., Ton
„Dry Fire“ also „Trockenes Feuer“ bedeutet beim Bogenschiessen, einen gespannten Bogen ohne Pfeil abzufeuern. Diese Praxis ist gefährlich, da die Energie, anstatt von einem Pfeil absorbiert zu werden, durch Schwingungen der Bogensehne und der Bogenglieder zerstreut wird, was zu erheblichen strukturellen Schäden am Bogen und zur Verletzung eines Schützen führen kann.
Yana Bachynska
„I’m sick and tired of you“,
2018
5:05 Min., Ton
Riesige, für die Ewigkeit erbaute Monumente lasten auf meinem kleinen sterblichen Körper. Wir sind ungleich, es gibt die Geschichte, die für sie steht. Es gibt nur das tägliche Leben, das für mich steht und den Dialog zwischen uns unmöglich macht. Trotzdem werde ich versuchen, mit ihnen zu sprechen.
Olia Fedorova
„The Catch“,
2017-2018,
10:40 Min., ohne Ton
„...Er sah am Ufer zwei Boote, die von Fischern zurückgelassen wurden, die ihre Netze wuschen. Als er in eines der Boote stieg sagte er zu Simon: „Fahre raus ins tiefe Wasser und lass die Netze zum Fangen aus.“ Simon antwortete: „Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen. Doch wenn du es sagst, werde ich die Netze auswerfen“. Das taten sie, und sie fingen eine so große Menge Fische, dass ihre Netze zu reißen drohten. Deshalb winkten sie ihren Gefährten im anderen Boot, sie sollten kommen und ihnen helfen. Sie kamen und gemeinsam füllten sie beide Boote bis zum Rand, sodass sie fast untergingen. Als Simon Petrus das sah, fiel er Jesus zu Füßen und sagte: „Herr, geh weg von mir; ich bin ein Sünder“ Denn er und alle seine Gefährten waren erstaunt über den Fischfang, den sie gemacht hatten. Da sagte Jesus zu Simon: „Fürchte dich nicht, von nun an wirst du Menschen fangen.“ Also zogen sie ihre Boote ans Ufer, ließen alles zurück und folgten ihm nach“. (Lukas 5:1-11)
„Weiter ist es mit dem Himmelreich wie mit einem Netz, das man ins Meer warf, um Fische aller Art zu fangen“. (Matthäus 13:47)
Aber wer hat jemals gesagt, was mit Fischen nach dem Fischen passiert?
Marina Dykukha
„Big bro is fucked up watching you“
2014, 0:16 Min., Ton
Die Installation arbeitet mit digitaler Verarbeitung, scannt Objekte in der Umgebung [innerhalb eines Radius von 5 Metern um die Projektionsfläche] und interpretiert die Bewegungsdaten in einer konzeptionellen Sichtweise. Die Aktion findet in Echtzeit statt. Das Bild eines Auges folgt den Besuchern, bis mehr als 5 Personen die Projektionsfläche durchqueren. Dadurch wird das Bild auf der Leinwand gestört und gerät ins Wanken. Die Installation ist eine Metapher für den Einfluss von Big Data und Algorithmen und die Art und Weise, wie sie das Verhalten der Menschen oder den Verlauf von Ereignissen steuern, und wie dies umgekehrt werden kann, wenn die Menschen das System, in dem sie leben möchten, gemeinsam definieren. Es ist eine visuelle Darstellung [die Projektionsfläche der Installation] der globalen Beziehung zwischen dem Individuum und dem System, in dem es lebt [der Installationsbildschirm mit einem beobachtenden Auge]. Wir können beobachten, wie das ungesunde System von den Menschen gehackt wird, die sich zusammenschliessen, um zu protestieren und „Nein“ zu denen zu sagen, die sich entscheiden, dem System die Macht zu nehmen. Das Projekt arbeitet mit der Idee der Erneuerung und des Paradigmenwechsels zwischen Kunst und Politik, einem Individuum und dem System. Es drängt erstere zu einer direkten Aktion und denkt das Feld der wechselseitigen Beeinflussung neu. Das Konzept bedient sich der Methode der Interaktion, bei der die Störung nicht zu einem gewöhnlichen Fehler, sondern zu einem bedeutenden Sieg über das System als Ganzes wird.
Das Projekt entstand nach den Ereignissen des Euromaidan im Jahr 2014 in Kiew, der Ukraine.
Mykola Ridnyi
„Seacoast“,
2008,
1:00 Min., dreifache Wiederholung, Ton
Diese, an einer Küste des Schwarzen Meeres gedrehte Videoarbeit, zeigt einen statischen Horizont, der mit den Figuren von Fischern übersät ist. Die ruhige Oberfläche des Bildes wird in regelmäßigen Abständen von Szenen mit Quallen unterbrochen, die auf dem Boden spritzen. Die wichtigste Assoziation ist das Geräusch von Bombenabwürfen, das mit Aufnahmen von Frequenzen eines Düsenflugzeugs erzeugt wird. Das Video vermittelt die Unbeständigkeit und Relativität der Ruhe, wie schnell und leicht militärische Aggressionen in der modernen Welt eskalieren können. Diese Arbeit entstand als Reaktion auf den Konflikt zwischen Georgien, Abchasien und Russland, der 6 Jahre vor dem Einmarsch in die Ukraine und der Annexion der Krim stattfand.
“What can we do for you?”, was the question we asked recently a Ukrainian artist.
“Being present in the art world – with the works we have created”, was the answer.
So the Videocity team reflected on its strengths: making exhibitions. In countries beyond the war, in order to promote artists, who were already marginalised by the Western art world in the global discourse of art.
With your donation, videocity will provide fees for Ukrainian artists, art writers and curators. Your donation will help us to present videos in our programme in Switzerland and internationally.
Alina Kleytman
„Responsibility“,2017,
6:25 Min., sound
The video “Responsibility” shows a distressing process of innermost growth. A girl walks down a murkily lit street in ridiculous getup consisting of smeared makeup and an exuberant dress. In her hand, she holds cheap white plastic bags with products from the grocery store that she exits at the beginning of the video before starting her journey. These ugly and awkward rags that she wears distort and misrepresent her. She keeps walking, fighting her shame. The bags symbolize the scantness of the means, material or otherwise, at her disposal. They contain her goals, wishes, and dreams, and are somewhat heavy for her to carry. With great effort, she takes them with her into uncertainty. There’s no one waiting for her up ahead. She keeps walking on her own, overcoming her fears. (Dr. Walter Seidl)
Maksym Khodak
„Flags of Propaganda“2018,
Videocity edition 1 channel, looped, 3:00 Min.
Battleship Potemkin is one of the best-known films in history. However, in its essence, it was the propaganda of the Bolsheviks. One day Joseph Goebbels noticed this: "This is a great film. From a cinematic point of view, it is unsurpassed. Anyone who is uncertain in his convictions, after his review, may have become a Bolshevik. This once again proves that the masterpiece can be successfully established in a certain trend. Even the worst ideas can be propagated by artistic means." The most climax of the film, which confirms the previous thesis, is the raising of a red flag over the deck of the battleship. However, removing such a frame was difficult, due to the specifics of black and white cinema. That's why Sergei Eisenstein decides to shoot a white flag. Next, he decides, for the premiere show, to paint each frame of the film, which was depicted as a flag, in red. In my work, I repeat the gesture of the director, coloring myself, the same personnel with the flag, but with the only difference that instead of the color of the Bolshevik flag, I use the colors of the flags of the most influential ideologies, the struggle of which is in the modern Ukrainian society.
Sergey Bratkov
„Architectural Measurements“ 2018
4:09 Min., sound
The short video you just saw was shot four years ago. My brother Yura, an architect, measures by steps the destroyed premises of a former children’s sanatorium in the village of Led in the suburbs of Kharkov, where he lives.
Today, my brother counts the explosions of bombs outside the window of his house. He practically does not move. He’s sick. He’s 75.
Olia Fedorova
„Dry Fire“,
2021, 0:50 Min., sound
In archery “dry fire” means releasing a drawn bow without an arrow. This practice is dangerous, because the energy, instead of being absorbed by an arrow, is dissipated through vibration of the bowstring and the bow limbs, which can lead to the significant structural damage to the bow and to the injuring of an archer.
Yana Bachynska
„I’m sick and tired of you“, 2018
5:05 Min., sound
Enormous eternal monuments weigh on my small mortal body. We are unequal, there is History that stands for them, and there is only everyday life that stands for me, and the dialogue between us is impossible. Still, I will try to talk with them.
The video was made in Szczecin, Poland. There was no specific selection of the monuments because it turned out that mostly they are the same – a realistic figure of a man who towers over the pedestrians. Most of the monuments represent political, military, or religious power. The monuments for poets were also made in the same canon of a proud man figure because even poetry may become a power for authorities.
Olia Fedorova
„The Catch“,
2017—2018, 10:40 Min., without sound
“...He saw at the water's edge two boats, left there by the fishermen, who were washing their nets. When got into one of the boats... He said to Simon, “Put out into deep water, and let down the nets for a catch.” Simon answered, “Master, we've worked hard all night and haven't caught anything. But because you say so, I will let down the nets.” When they had done so, they caught such a large number of fish that their nets began to break. So they signaled their partners in the other boat to come and help them, and they came and filled both boats so full that they began to sink. When Simon Peter saw this, he fell at His knees and said, “Go away from me, Lord; I am a sinful man!” for him and all his companions were astonished at the catch of fish they had taken... Then He said to Simon, “Don't be afraid; from now on you will fish for people.” So they pulled their boats up on shore, left everything and followed him...” (Luke 5:1-11)
“...Once again, the kingdom of heaven is like a net that was let down into the lake and caught all kinds of fish...” (Matthew 13:47)
But who ever told what happens to fish after the fishing?
Marina Dykukha
„Big bro is fucked up watching you“
2014, 0:16 Min., sound
The installation operates with digital processing, scanning objects in the vicinity [within a radius 5 meters of projection area] and interpreting the movement data into a conceptual point of view. The action is real-time. The image of an eye follows the visitors until more than 5 people cross the projection zone. This creates disturbance and produces glitches in the image on the screen. The installation is a metaphor for the influence of big data and algorithm holders and the way they direct people’s behavior or the course of events and how it can be reversed if people together would define the system in which they would like to live. It is a visual representation [the projection zone of installation] of the global scene of the relationship between individual and the system in which they live [the installation screen with a watching eye], and we can observe the unhealthy system being hacked by the people who come together to protest and say ‘no’ to those, who choose to monopolize. The project works with idea of renewal and game-changing paradigms between art and politics, an individual and the system by pushing the former towards a direct action, rethinking and reconsidering the two-way influence field itself. The conception utilizes the interaction method, where the glitch becomes not a regular error but a significant victory over the system as a whole.
The project was created after the events of Euromaidan in 2014 in Kyiv, Ukraine.
Mykola Ridnyi
„Seacoast“, 2008,
1:00 Min., 1 min., looped 3 times, sound
This video work filmed on a coast of the Black sea shows a static horizon dotted with the figures of fishermen. The picture’s calm surface is periodically punctured by scenes of jellyfish splattering on the ground. The main association is the sound of bombs dropping, achieved with recordings of frequencies produced by a jet plane. The video conveys the unsteadiness and relativity of calmness – how quickly and easily military aggression in the modern world can escalate. This work was made in response to the conflict between Georgia, Abkhazia and Russia that took place 6 years before the invasion of Ukraine and annexation of Crimea.
videocity
Dr. Andrea Domesle, MAS, *1969 Heilbronn, lives in Basel, Switzerland and in the Weinviertel, Austria
https://de.wikipedia.org/wiki/Andrea_Domesle
https://www.videocity.org/
english
works